trans pacific

"Flying from the east to the west (and ending up in the east) makes for a very long day. We left JFK (Anm.: New York) at 11am and we´ll arrive in Narita (Tokyo) at 3pm (14 hours later, strangely enough) and the sun won´t have gone down but it will be the next day. It´s like magic, isn´t it? It´s still the same day, but it´s the next day." (Moby, 2002)
Das Überqueren des Pazifiks und damit der internationalen Datumsgrenze ist auf jeden Fall eine interessante Sache. Um von Nordamerika nach Japan zu gelangen und umgekehrt ist man gezwungen diese eigenartige Schwelle zu überschreiten bzw. zu überfliegen. Dass Japan aus amerikanischer Perspektive noch dazu einen Tag in der "Zukunft" liegt, finde ich besonders spannend. Eine Metapher?
Gleichzeitig führt die Datumsgrenze natürlich verschiedenste Konstrukte der Menschheit ad absurdum. "Zeit" zum Beispiel. Ein System auf das wir uns täglich berufen, verliert plötzlich seine Gültigkeit wenn wir durch das Übertreten einer fiktiven Schwelle einen Tag unseres Lebens verlieren bzw. gewinnen (in der Gegenrichtung). Je schneller das Verkehrsmittel desto deutlicher tritt dieser Effekt in Erscheinung. Oder auch die Problematik der "Richtung". Es wird deutlich, dass Kategorien wie "West" oder "Ost" immer nur ganz stationär Gültigkeit haben, im globalen Kontext allerdings nicht funktionieren. Nimmt man beispielsweise den Singapore Airlines Non-Stop-Flug von New York nach Singapur fliegt man weder in den Osten noch in den Westen sondern in den Norden und dann in den Süden. Irgendwie verwirrend, oder? Betrachtet man allerdings den Globus (bekanntlich eine Kugel!) so ist alles vollkommen klar: Da sich Singapur sozusagen gegenüber von New York auf der anderen Seite des Erdballs befindet, muss natürlich eine Route über den Nordpol gewählt werden. Auch hier verliert man zusätzlich noch einen ganzen Tag. Die Maschine verlässt New York um 23 Uhr Ortszeit und landet nach 15.300 Kilometern und etwa 18 Stunden Flugzeit zwei Tage später (!) um 5 Uhr 30 am Changi-Airport in Singapur.
"Hey. It´s 12 a.m on saturday evening here in Tokyo. Which means that it´s 10 a.m friday in NYC. Which means 3p.m friday in the UK. Which means that it´s, uh, oh, late. Somewhere." (Moby, 2002)
Fazit dieses kleinen Exkurses: will man den menschlichen Biorhythmus auf möglichst umfangreiche Art und Weise durcheinander wirbeln, sollte man sich ins Flugzeug von Amerika nach Asien oder Australien setzen. Ein Zustand, den uns Sofia Coppola mit "Lost In Translation" eindrücklich vor Augen geführt hat. Schlaflos taumeln die beiden Hauptdarsteller durch ein Tokyo, in dem sie nie wirklich angekommen sind.

Trotz dieser immensen Schwelle rücken die pazifischen Nachbarn USA (oder besser Kalifornien) und Japan immer näher zusammen. Die Gemeinsamkeiten sind bei genauerer Betrachtung verblüffend.
Mit Los Angeles und Tokyo verfügen beide über vergleichbare, urbane Mega-Regionen. Betrachtet man die Licht-Emissionen aus dem Weltall, wird das tatsächliche Ausmaß der fast lückenlosen Besiedelung Zentraljapans deutlich. Allein die Einwohnerzahl von "Greater Tokyo" (Tokyo und die umliegenden Städte) liegt nach dieser Rechnung bei etwa 55 Millionen Menschen.
"Japan is less a country than a series of linked Mega-regions, anchored by Greater Tokyo: indeed a close look at the light emissions map shows that its three major Megas may well be blurring into one super-Mega of more than 100 million people."
(Richard Florida, 2006)
Auch Los Angeles ist eigentlich keine Stadt im herkömmlichen Sinne, sondern ein Netz aus dutzenden Ballungsräumen. Dieses Netz ist wiederum eingebunden in ein größeres Netz, das nahezu nahtlos von Los Angeles über San Diego bis nach Tijuana in Mexiko reicht. In der "Rand McNally California State Map" heißt es zum Großraum LA:
"The world´s entertainment capital sprawls from the ocean´s edge, up and over foothills and mountains, forming a vast metropolis of communities united by a web of freeways."

Aus städtebaulicher Sicht sind diese beiden "Agglomerationen" natürlich eine Horrorvision. Keine der beiden Städte hat ein echtes "Zentrum", stattdessen gibt es mehrere kleinere Zentren, die entweder kreisförmig (Tokyo) oder ziemlich willkürlich (Los Angeles) verteilt sind. Die geographische Mitte beider Städe bleibt hingegen ohne besondere Bedeutung (vgl. Post-Strukturalismus u. Roland Barthes - im Seminar ausführlich besprochen). In beiden Fällen gibt es offenbar eine lange Tradition der "suburbanen" Einfamilienhaus-Siedlungen, die jedoch nie lange am äußersten Rand bleiben und schließlich wieder selbst den eigentlichen urbanen Kern bilden. Dies wiederum läßt die Mieten regelmäßig in konzentrischen Kreisen rundum die sogenannten "Stadtzentren" ansteigen. Entfernung wird zum finanziellen Faktor.
"In places like southern California, each exit along the interstate saves you tens of thousands of dollars."
(Keith Naughton, 2006)
Günstige Wohnviertel verlagern sich also immer weiter und weiter weg von den Arbeitsplätzen, was schließlich zu einem enormen Pendler-Aufkommen und letztendlich zu einem verkehrstechnischen Superchaos führt.
Immer mehr Menschen in Japan und Kalifornien sind täglich mehr als 90 Minuten zu ihrem Arbeitsplatz unterwegs. In Tokyo quetscht man sich in hoffnungslos überlastete U-Bahnen, in Los Angeles reiht man sich, angesichts des quasi nicht existenten öffentlichen Verkehrs, geduldig in einen der Dauerstaus auf den Freeways ein. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Im Gegenteil. Das enorme Wachstum der größten Megastädte (New York, LA, London, Tokyo,...) läßt spürbar nach, stattdessen werden die sogenannten "second cities" und "suburbs" immer bedeutender. Städte wie Las Vegas verzeichnen beispielsweise jährliche Rekordwachstumsraten von 2-3 Prozent und mehr. Tendenz steigend. Zu betonen ist aber, dass viele Menschen die "second cities" nur als Wohnort nutzen. Laut einem aktuellen "Newsweek"-Artikel zu diesem Thema, gibt es sogar eine steigende Zahl von Personen, die mehrmals pro Woche mit dem Auto sechs Stunden von Las Vegas nach LA pendeln!
Las Vegas; vom Flugzeug aus gesehen

Von der Pendler-Problematik kommt man unvermeidlich auch zum Thema "Auto". Japan als derzeit wichtigster Autoproduzent, Kalifornien als größter Absatzmarkt. Japan ist in den letzten Jahren zum weltweit wichtigsten Autoproduzenten aufgestiegen. Die Toyota Motor Corp. ist sogar Weltmarktführer in diesem Sektor und beliefert dabei vor allem einen Markt: USA. Vor allem natürlich Kalifornien. Es gibt wohl keinen Ort der Welt wo das Auto einen derart hohen Stellenwert hat wie in Los Angeles. Kein Wunder, denn öffentlicher Verkehr ist bis auf wenige Buslinien und eine halbherzig errichtete U-Bahnstrecke ein Fremdwort. Mindestens eine Stunde verbringt jeder Kalifornier täglich hinter dem Steuer seines Fahrzeugs.
"Anyone on foot in suburban California is one of four things: poor, foreign, mentally ill or jogging." (Hari Kunzru, 2004)

Und es sind nicht irgendwelche Fahrzeuge, die in Kalifornien gefahren werden. Überirdisch glänzende Kunstwerke aus Stahl, Aluminium und Chrom bestimmen das Bild auf den unzähligen Highways. "Show me what you drive and I tell you who you are." scheint das Motto auf den Straßen zu sein. Früher waren es überwiegend Autos amerikanischer Hersteller, heute dominieren Marken wie Nissan, Toyota, Lexus, VW, Audi, BMW und Mercedes. Jemand hat einmal behauptet, dass man jedes Automodell, das je produziert wurde zumindest einmal sieht, wenn man lange genug auf den Straßen von LA unterwegs ist. Sieht man die enormen Blechkolonnen zum ersten Mal mit eigenen Augen, scheint diese Vermutung gar nicht so abwegig zu sein.

Ein ganz anderes Thema ist "Entertainment". Ein Industriezweig, der in beiden Ländern von immenser Bedeutung ist. Computerspiele, Spielkonsolen, Pachinko-Hallen, Karaoke, Mangas, Anime und Monsterfilme aus Japan treffen auf Hollywood-Kino, Zeichentrickfilme, 3D-Animationen, Special Effects und Themenparks aus Kalifornien. Der ständige, transpazifische Austausch von Technologie und Ideen sorgt dafür, dass immer neue Produkte auf den Markt kommen. Zusammen diktieren die beiden Länder sozusagen die Freizeitgestaltung auf dem gesamten Planeten.


Ähnlich verhält es sich mit "Technik". Die meisten Geräte in unseren Haushalten stammen noch immer entweder aus Asien (China, Japan) oder Nordamerika. Wir hören Musik mit dem iPod von Apple (USA, Kalifornien), verfolgen unsere Lieblingsserie auf einem Fernsehgerät von Toshiba (Japan), vertreiben uns die Zeit vor der Sony Playstation (Japan) und treten mit Hilfe eines Motorola-Handys (USA) in Kontakt mit unseren Freunden.
Wie sieht es aber mit der Kultur der beiden Länder aus? Hier gibt es doch massive Unterschiede, oder? Japan blickt im Gegensatz zum heutigen Kalifornien auf eine Jahrtausende alte Geschichte zurück. Tempelanlagen und Ruinen zeugen von vergangenen Zeiten und uralte Traditionen leben im Schatten der Hochhäuser Tokios unverändert weiter. Die ständigen Erdbeben (diese Gefahr gibt es ja auch in Kalifornien!) und die Kriege des 20. Jahrhunderts haben allerdings entscheidend dazu beigetragen, dass zum Beispiel nur wenige Gebäude aus der Edo-Zeit bis heute überlebt haben. In den meisten Gegenden Tokios gibt es kaum Gebäude, die älter als 50 Jahre sind. Das heutige Erscheinungsbild der Stadt wurde eigentlich erst in der Zeit des großen Wirtschaftsbooms von den 60er bis in die späten 80er Jahre geprägt. Architektonisch orientierte man sich dabei offensichtlich vor allem an amerikanischen Vorbildern wie New York und vor allem Los Angeles.
Bürohochhäuser in Shinjuku, Tokyo

Wie alle anderen asiatischen Länder, allen voran China, scheint auch Japan ständig damit beschäftigt zu sein, die eigene Kultur unter einer dicken Schicht importierter (meist westlicher) Artefakte zu vergraben. Teilweise werden sogar asiatische bzw. japanische Artefakte reimportiert, die sich am globalen Markt und in den Japantowns der Welt bewährt haben. Ich denke da zum Beispiel an die pseudo-traditionalistischen Fassaden von Restaurants, wie man sie auch hierzulande finden kann oder an vermeintlich authentische (für Touristen adaptierte) Teezeremonien und Sushi-Sets. Es wird sozusagen eine künstliche, kulturelle Leere geschaffen. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass selbst die alten Tempelanlagen für viele Besucher wirken wie Disneyland-Attrappen. Ein Bekannter, der kürzlich in Kyoto war, meinte etwa, dass der berühmte goldene Pavillon des Kinkakuji-Tempels in Wirklichkeit nicht besonders beeindruckend sei, da er aussehe als wäre er eine billige Nachbildung aus Plastik. Damit wären wir wieder bei Kalifornien angelangt, wo tatsächlich alles nur aus Plastik ist, aber dennoch irgendwie authentisch wirkt. Authentische Künstlichkeit eben. Oder auch kalkulierte Oberflächlichkeit? Pico Iyer zitiert in seinem Buch "Sushi in Bombay - Jetlag in L.A." den Schriftsteller Christoper Isherwood:
"Es ist weit weniger wahrscheinlich, dass uns synthetische Oberflächen gefangen nehmen, als ´dieser ganze überholte Kult mit den Kathedralen und Erstausgaben, den Modellkleidern aus Paris und den Weinsorten nach Jahrgängen!´ Kalifornien fördert die Transzendenz, so argumentiert er, gerade weil es nur leere Oberfläche ist." (Pico Iyer, 2002)
Pseudo-europäische Fassaden am Rodeo Drive in LA

Ist Japans vielzitierte Dualität zwischen Tradition und Hypermoderne vielleicht doch nicht so zentral? Gelingt es den Japanern tatsächlich kulturelle Integrität zu wahren? Ist das eigentliche Erfolgsrezept Japans auf lange Sicht vielleicht doch eher die totale "Kalifornisierung" bzw. eine Art "Veroberflächlichung"? Andere asiatische Länder machen es derzeit vor: China, Südkorea, Taiwan - sie alle bauen ihre Städte nach amerikanischen (kalifornischen) Vorbildern und statten sie mit sogenannten "westlichen Annehmlichkeiten" aus: Hilton, Holiday Inn, McDonalds, Starbucks, ...;
"Mit der Zeit wird sich zeigen, ob es den Städten gelingt, ihren einzigartigen asiatischen Charakter zu erhalten, während sie sich einem internationalen Facelifting unterziehen für den Einzug in das ´pazifische Jahrhundert´."
(Nancy Chikaraishi im Vorwort zum Buch "Cities of the Pacific Century" von Ulf Meyer, 2004)

Starbucks ist eine gute Überleitung zum Thema "Kommerz". Kalifornien und Japan weisen weltweit die höchste dichte an Starbucks-Filialen auf. 2.013 sind es in Kalifornien, etwa 650 gibt es in Japan, allein 216 davon in Tokyo. Auch was den Umgang mit Konsum betrifft ähneln sich die pazifischen Nachbarn stark. Shopping ist auch in den USA die absolute Nummer Eins in der Liste der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Die Öffnungszeiten sind großzügig, das Angebot ist unüberschaubar. Auf jeder Seite des detaillierten "Los Angeles County Street Guide", der gerade vor mir liegt, finden sich unzählige kleinere und größere Malls, die sich meist "...Center", "...Place", "...Plaza", "...Village" oder gar "...Shoppingtown" nennen. DIese Orte stellen in einer "Stadt" wie LA die einzige Öffentlichkeit dar, mit der die Bewohner konfrontiert sind. Das Flanieren entlang traditioneller Einkaufsstraßen, wie wir es aus Europa kennen, ist hingegen ausschließlich den Nobelorten Beverly Hills (Rodeo Drive - siehe Bild weiter oben) und Santa Monica (3rd Street Promenade, Montana Avenue) vorbehalten.
South Coast Plaza Shoppingcenter, Costa Mesa

Man könnte noch unzählige andere Parallelen zwischen Kalifornien und Japan aufführen. Das würde aber den Rahmen dieses ohnehin schon sehr ausführlichen Eintrags auf jeden Fall sprengen.
Fazit: Japan und Kalifornien sind die Motoren, die unseren Planeten derzeit antreiben. Technologie, Mode, Kunst, Design, Architektur, Essen, Urbanität, ...
es gibt kaum einen Aspekt unseres Lebens, der nicht von diesen Ländern entscheidend mitgeprägt wird. Willkommen im pazifischen Jahrhundert!
Der pazifische Ozean bei Laguna Beach, Kalifornien

Kafka on the Shore?
"Kafka sits in a chair by the shore, Thinking of the pendulum that moves the world, it seems..." (Haruki Murakami, 2005)
Literatur / Quellen:
Moby, Journal:
http://www.moby.com/journal/2002-02-09/the_next_few_months.html
http://www.moby.com/journal/2002-02-15/times.html
Richard Florida, The New Megalopolis, in: Newsweek July 3 / July 10, 2006, S. 64f.
Keith Naughton, Tailing the X-Commuter, in: Newsweek July 3 / July 10, 2006, S.71
Rana Foroohar, Unlikely Boomtowns, in: Newsweek July 3 / July 10, 2006, S.50-53
Hari Kunzru, Transmission, 2004, S.xx (wird ergänzt - Buch nicht griffbereit)
Pico Iyer, Sushi in Bombay Jetlag in L.A. - Unterwegs in einer Welt ohne Grenzen, 2002, S.288
Nancy Chikaraishi, Vorwort, in: Ulf Meyer, Cities of the Pacific Century - Reportagen und Essays aus Ostasien, 2004, S.7-9
Haruki Murakami, Kafka on the Shore, 2005, S.299
Bilder:
© by Thomas Hirtenfelder 2003-2006
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