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narita lounge

enjoy your flight

lost in transit


Inspiriert von der letzten Sitzung habe ich begonnen mich intensiver mit dem Begriff der Übersetzung zu beschäftigen. Als besonders interessant hat sich dabei das Spannungsfeld zwischen den Begriffen ´Translation´ (Übersetzung) und ´Transition´(Übergang/Wechsel) bzw. Transit/Transfer erwiesen. Ein Themenkomplex, der auch in den Werken von Haruki Murakami immer mitschwingt. Das Reisen, Hotels, Züge, Schiffe, Flughäfen, Bahnhöfe, Autobahnen, Orte an der Schwelle zwischen Realität und Traum, zwischen Hier und Dort. Murakamis Charaktere sind meist gefangen in einer Zwischenwelt, die dem Transit nicht unähnlich ist.

"All Flights out of Sapporo were delayed, and everyone looked uniformly on edge. We waded through waves of irritability."
(Murakami, 1994)

Japan als Land an der Schwelle? Zwischen Tradition und Hypermoderne?

Ein Zitat zum Begriff der ´Schwelle´:
"Die Widerständigkeit der fremden Sprache, sich vollständig übersetzen zu lassen, ist die Schwelle, auf der wir ihr begegnen. Die Schwelle ist die von der Differenz erzeugte Brechung. Die Differenz ist nur von einer Schwelle aus sichtbar."
(Jean-Christophe Bailly, 1997)

Für mich ist die Naritalounge nun also die Schwelle. Die Schwelle von der aus die Differenzen zwischen den Orten überhaupt erst sichtbar werden. Ein Nicht-Ort zwischen den Orten. Marc Auge, der den Begriff des Nicht-Ortes oder ´non-place´ quasi begründet hat, schreibt:

"Clearly the word ´non place´ designates two complementary but distinct realities: spaces formed in relation to certain ends (transport, transit, commerce, leisure), and the relations that individuals have with these spaces."
(Marc Auge, 1995)


Hier taucht ja auch der Begriff des Transit auf. Ein Zustand der in unserer beschleunigten Welt immer bedeutsamer wird und in dem wir als Menschen immer mehr Zeit verbringen. Lasse ich mir vom kleinen Tool Flugstatistik.de die Zeit berechnen, die ich in den letzten fünf Jahren an Bord von Flugzeugen verbracht habe, so kommt immerhin die beachtliche Zahl von 14 Tagen zusammen. Rechnet man noch die Aufenthaltsdauer auf Autobahnen, Flughäfen, in Zügen, Hotels, Supermärkten, Shoppingcentern und nicht zu vergessen im Internet dazu, könnte man für den Zustand des Transit fast schon eine Staatsbürgerschaft beantragen. Oder wie Pico Iyer es in einem Artikel ausgedrückt hat:

"Flux has become a country in itself, I often think, and yet, unlike most other countries, it remains uncharted, neglected by the history books, and with no guidebooks yet to explain its curious customs and sights."
(Pico Iyer, 2005)

In der heutigen Welt verbringen wir also immer mehr Zeit in diesem schwer definierbaren Schwellen-Zustand namens Transit. Ich möchte nicht so weit gehen den Transit als ein eigenes Land zu beschreiben, wie Iyer das vorschlägt, aber es ist doch interessant, dass in jeder Sekunde zigtausende Menschen irgendwo auf der Welt unterwegs sind, umsteigen, einsteigen, aussteigen und vor allem warten. Flughäfen sind sozusagen kleine Städte mit einer stark fluktuierenden Bevölkerung. So bin ich etwa ein häufiger Bewohner von ZRH, einem künstlichen Gebilde das weniger der Stadt Zürich verpflichtet ist, als dem Zustand des Abfliegens nach A und Ankommens von B. Ein Knotenpunkt zwischen den Orten, eine Haltestelle im globalen Reisefluss. Der Flughafen ist gleichzeitig aber auch immer Verbindungsstück zur Außenwelt. Folgt man den Schildern EXIT verlässt man den Transit und kann, vorausgesetzt man hat die notwendigen Identitätsdokumente, wieder in einen realen, statischen Ort wechseln.


Musste man im Transit nur den Gesetzen der verschiedenen Institutionen (Flughäfen, Sicherheitsbehörden, Fluglinien) gehorchen, die meist mit Schildern ("To Gates E") und Durchsagen ("Please do not leave baggage unattended!") kundgetan werden, so muss man nun wieder die Last der Alltagsverpflichtungen und das eigene Reisegepäck selbst tragen (vgl. Auge, 1995). Dieser Schock führt zu einem eigenartigen Gefühl der Verwirrung, oft noch unterstützt vom fast übernatürlichen Zustand des Jet-Lag. Man ist sich seiner eigenen Existenz nicht mehr ganz sicher - ein Kneifen in den Oberarm ist notwendig um zu begreifen, dass man weiterhin lebendig ist. Blickt man schließlich aus dem anonymen Hotelzimmer auf die futuristischen Häuserblocks einer fremden Stadt (in unserem Fall Tokyo) befindet man sich erneut an einer Schwelle. An der Schwelle zwischen einer neutralen, von Hilton, Marriott und Co. geschaffenen amerikanischen Einheits-Wohnwelt und dem Fremden.

Zum Abschluss noch ein schönes Zitat aus dem Buch "Shampoo Planet" von Douglas Coupland. das meiner Meinung nach auf wunderbare Weise diesen entorteten, zeitlosen Zusand des Im-Transit-Seins beschreibt.

"Ich mag Hotels, weil du in einem Hotelzimmer keine Geschichte hast, sondern nur ein Wesen. Du hast das Gefühl, dass in dir ein großes Potential steckt, das nur darauf wartet, neu beschrieben zu werden, wie ein frisches, leeres, 8 1/2 x 11 Inch großes weißes Blatt Papier. Vergangenheit gibt es nicht."
(Douglas Coupland, 1994)


Genauso geht es mir jedesmal wenn ich in einem Flugzeug sitze und auf den Start warte. Es zählt nur noch die Zukunft. Alles scheint möglich zu sein.

Nun da ich angekommen bin, wird sich mein nächster Eintrag, als weitere Annäherung an Japan, mit dem Begriff des ´Fremden´ beschäftigen. Das Exotische. Das Fremde. Als Reiseleiter wird mir der Autor Alain de Botton zur Seite stehen.

Literatur:
Haruki Murakami, Dance Dance Dance, 1994, S.110
Jean-Christophe Bailly, Der freie Gebrauch des Eigenen, in: Documenta X - Documents 1, 1997, S.44-45
Marc Auge, Non-Places. Introduction to an Anthropology of Supermodernity, 1995
Pico Iyer, Flux has become a country in itself, in: Financial Times Weekend, April 23/24, 2005
Douglas Coupland, Shampoo Planet, 1994, S.29

Bilder:
Highways, Tokyo 2003
Airport, Los Angeles, 2006
Airport, Tokyo 2003
Hotel Room, Hongkong 2004
© Thomas Hirtenfelder
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