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enjoy your flight

hokoten


´hokoten´heißt soviel wie ´pedestrian heaven´ also Fußgänger-Himmel. Ein Begriff der Anfang der 90er Jahre in Tokyo erstmals aufgetaucht ist. Damals beschloss man die Omotesando, die wichtigste Durchzugsstraße im Harajuku-Viertel, an jedem Sonntag für den Verkehr zu sperren. Schnell entwickelte sich die Omotesando zum Brennpunkt der urbanen Jugendkultur. Hier fühlten sich die Kids erstmals frei. Man kam zusammen, es bildeten sich unterschiedlichste Gruppierungen, man spielte Musik und man präsentierte sich gegenseitig die neuesten Outfits und Shopping-Errungenschaften.


Plötzlich kleideten sich die Jugendlichen nicht mehr nur nach den neuesten Trends aus dem Westen (USA, Europa), sondern begannen einen eigenen Stil zu entwickeln. Ein eklektischer, bunter Mix aus Markenkleidung, Designerstücken, Popkultur-Zitaten und Versatzstücken der traditionellen japanischen Kleidung (Kimonos, Geta-Sandalen, Obi-Gürtel,... Details dazu im Blog-Eintrag "Was macht einen Japaner zum Japaner?" von Esther unter Flying Japan). In kurzen Abständen wechselten die Trends und es enstanden immer neue, noch schrillere Gruppierungen.

Mit diesem Phänomen untrennbar verbunden ist ein Name: Shoichi Aoki, der Begründer des Kult-Magazins "Fruits". Aoki (geb. 1955) ist Fotograf und begann in den 80er Jahren damit die sogenannte ´Street-Fashion´ in London zu dokumentieren. Um diese Art des verspielten Umgangs mit Mode auch in seiner japanischen Heimat vorzustellen, gründete er 1985 das Magazin "Street". Darin veröffentlichte er Bilder, die er in den Trendvierteln von London, New York und anderen Metropolen aufgenommen hatte. Die Dargestellten waren keine Models, sondern gewöhnliche Menschen von der Straße. Außerdem verzichtete das Magazin komplett auf Hochglanz-Werbung der Mainstream-Labels. Ein ganz neues Konzept, das schnell zum Kult wurde. Als Aoki dann Anfang der 90er Zeuge der kleinen Mode-Revolution auf den Straßen von Harajuku wurde, gründete er mit "Fruits" ein weiteres Magazin, das ihn endgültig zum Star machte. Mittlerweile hat "Fruits" Anhänger in aller Welt und wurde unzählige Male kopiert.



"Fruits" als Sprachrohr der Harajuku-girls und boys. Inspirationsquelle und Präsentationsplattform zugleich. Das Magazin als eine Art Galerie für eine ganz neue Kunstform.

Seit ein paar Jahren wird es allerdings wieder ruhiger auf Japans Straßen. Der autofreie Sonntag auf der Omotesando ist Geschichte und konservativere Strömungen in Politik und Gesellschaft führen zu einer Stagnation der Jugendkultur. Shoichi Aoki drückte es in einem Interview folgendermaßen aus:

"... and especially now when the economy is facing a downturn, most of the adult community are being a little bit more conservative, so there is a tendency to push down or destroy things that are confronting that come from youth culture. So it´s not really an environment conducive to giving birth to something new or fresh and personally I think that the future is a little bit bleak."

Außerdem geht der Trend allgemein wieder zurück zu westlichen Einflüssen und Markentreue. So gab es im Stadtteil Shibuya etwa vor ein paar Jahren eine intensive Phase der sogenannten "ganguro-girls". Sie färbten ihre Haare blond und präsentierten sich mit Solarium-gebräunter und mit Make-Up zusätzlich noch abgedunkelter Haut. Bei der Wahl der Kleidung orientierten sie sich an amerikanischen, vor allem kalifornischen Vorbildern. Man bezeichnete "ganguro" auch als "Shibuya Surfer"-Look.


"Ganguro was a phenomenon that was specific to Shibuya, about 1km away from Harajuku—which we have been talking about—and they were totally different so FRUiTS as a rule didn’t really take them up. Only a few times we’ve covered ganguro in our magazine. Where they came from is actually a mystery, no one really knows but there is some speculation that they were girls who were infatuated or fascinated with Janet Jackson or black American musicians or perhaps Naomi Campbell, the supermodel, but it’s still a mystery what their origins were." (Shoichi Aoki in einem Interview mit dem australischen Radio-Moderator Tony Barrell, 2003)


Eine ganz wichtige Frage sollte allerdings noch geklärt werden: Warum entstand die schrillste, verrückteste Mode-Bewegung, welche die Welt je gesehen hat, ausgerechnet in Japan? Einem Land, das den Minimalismus, schlichte Schönheit und damit verbunden, eine gewisse Unpersönlichkeit über viele Jahre geradezu kultiviert hat - und dies parallel zur gerade besprochenen Jugendkultur noch immer tut.

"Das Unpersönliche an Japan liegt für mich aber nicht darin, dass es keinen eigenen Charakter zeigt, sondern darin, dass es seine Gefühle für sich behält. Das öffentliche Leben ist betont neutral und unpersönlich, um Reibungen und Verwirrungen auf ein Minimum zu reduzieren. Die Individualität blüht hinter verschlossenen Türen." (Pico Iyer, 2002)

In der Öffentlichkeit hat man sich unauffällig zu verhalten und nicht aufzufallen. Das scheint eine der stillen Vereinbarungen in den urbanen Gegenden Japans zu sein. Jedenfalls fällt dem Besucher sofort auf, dass die meisten Fahrgäste in der Yamanote-Line (die von JR - Japan Railways betriebene Ringbahn in Tokyo) sehr darauf bedacht sind, keinen Augenkontakt herzustellen und sich lieber auf ihre Mangas, Bücher und Zeitungen konzentrieren. Das Grundrecht jedes Individuums auf Privatsphäre wird in Japan auch in der Öffentlichkeit nach Möglichkeit gewahrt. Ob dies rein kulturell bedingt ist oder eine Art Schutzmechanismus darstellt, um das Leben in urbanen Megakonstrukten wie Tokyo und Osaka leichter zu ertragen, bleibt dahingestellt. Da der durchschnittliche Tokioter mehrere Stunden am Tag in den Waggons von hoffnungslos überfüllten Zügen und U-Bahnen zur Arbeit pendelt, verbringt er auf jeden Fall wesentlich mehr Zeit an öffentlichen Plätzen und ´Nicht-Orten´ (siehe Eintrag ´Lost in Transit´), als die Menschen hierzulande. Da ist das Bewusstsein, dass die eigene Privatsphäre geachtet wird und keiner den anderen neugierig beobachtet, auf jeden Fall von Bedeutung. So liest der Herr im Anzug neben einem völlig gelassen einen Manga mit nicht ganz jungendfreiem Inhalt, die Geschäftsfrau gegenüber frischt ihr Make-Up für das nächste Meeting auf und der Student an der Tür tippt SMS um SMS in sein futuristisches Mobiltelefon. Telefonieren wäre undenkbar. Niemand würde die Mitmenschen mit privaten Gesprächen konfrontieren.


Man könnte nun annehmen, dass die Jugend gerade deshalb mit Hilfe von schrillen Outfits gegen die Konventionen rebelliert. Glaubt man Shoichi Aoki ist dies eine falsche Schlussfolgerung.

"Instead of expressing yourself, it is a way of communicating with the members of your group. A message without words. You show your feelings, your awareness of fashion. It has no social context whatsoever. They don´t care at all about how other people in society or how other groups see them."

Mode ist in Japan also kein Statement. Man transportiert damit nicht politische oder gesellschaftliche Codes so wie bei uns. Sich ´freaky´ anzuziehen bedeutet nicht automatisch, dass man ähnlich der Punk-Bewegung gegen das Establishment rebelliert. Vielmehr geht es um Gruppenbildung, Kreativität und last but not least um eine Liebeserklärung an das urbane Leben. Ein Leben im öffentlichen Raum. Der ´public space´ als Mittelpunkt des sozialen Lebens und als Entstehungsort für immer neue Trends, Lifestyles und Subkulturen.

"World = City" - steht plakativ auf der Rückseite des Buches "Mutations", herausgegeben vom niederländischen Architektur-Visionär und Theoretiker Rem Koolhaas.

Die Stadt als Ausgangspunkt für jede Form der Veränderung. Die Stadt als Zukunftslabor.

Literatur / Quellen:
Kjeld Duits, Selling Fruits to the World, Japan News, 2004
http://ikjeld.com/japannews/00000011.php

Tony Barrell, Shoichi Aoki Interview, Radio National Australia, 2003
http://abc.net.au/rn/arts/nightair/stories/s788802.htm

Artikel zur Ganguro-Bewegung
http://en.wikipedia.org/wiki/Ganguro

Pico Iyer, Sushi in Bombay Jetlag in L.A. - Unterwegs in einer Welt ohne Grenzen, 2002, S.287

Rem Koolhaas u.a., Mutations, 2001

Bilder (von oben nach unten):
Shoichi Aoki, Fruits: http://gallery.hotarubi.net/FRUITS/10.png

Yamauchi Michio, shinjuku-ku, kabuki-cho. 1994
Scan aus dem Photobuch: Yamauchi Michio, Tokyo, 2003

Cover, CaziCazi - Kansai Street Style Magazine, No.111, 09/2003

Shoichi Aoki, Fruits: http://gallery.hotarubi.net/FRUITS/02.png

Michael Clarke, Ganguro-Girls: http://www.hunkabutta.com/photos/fullsize/20010927a.jpg

Shibuya, Tokyo 2003
Yamanote Line, Tokyo 2003
© Thomas Hirtenfelder
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2:44 AM

Ihr Blog finde ich sehr Interessant.

http://www.initiat.de
 



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