exotik

"WIr lächeln über Tamagotchis, wissen Bescheid über japanische Autos und bewundern Japans klare Ästhetik. Dennoch ist dieses Land den meisten von uns fremd geblieben. ... Unsere Reporter sind durch Japan gereist, um Exotik und Normalität nachzuspüren." (Holger Schnitgerhans, Februar 2001)
Das sind die ersten Sätze im Vorwort des Merian-Heftes zu Japan. Das Land ist uns also fremd und es ist irgendwie unglaublich exotisch. Aber was ist eigentlich exotisch? Palmen, Sandstrände, Kokosnüsse und thailändisches Essen zum Beispiel. Heutzutage denken wir dabei offensichtlich meistens an die Tropen. So haben etwa Fruchtsäfte im hiesigen Supermarktregal die Geschmacksrichtungen "Exotic Mango" oder "Tropical Orange" und nicht einfach nur "Mango" oder "Orange". Die Verlockung des Fremden, Unbekannten, eben der exotische Aspekt des Produktes soll unterstrichen werden. Wir haben offensichtlich eine angeborene Sehnsucht nach dem Fremden. Diese Sehnsucht gab es schon immer, sonst wären die frühen Seefahrer zu Hause geblieben und so etwas wie Tourismus wäre wohl nie entstanden.
"Vielleicht schätzen wir bestimmte Dinge in der Fremde nicht nur, weil sie für uns neu sind, sondern weil sie unserer Identität und dem, was uns am Herzen liegt, besser entsprechen als alles, was unser Heimatland zu bieten hat.", schreibt Alain de Botton in seinem Buch "Kunst des Reisens" (2002).
Ein interessanter Gedanke. Die Exotik als Puzzlestein im ewigen Streben der Menschheit nach Vollendung. Die Suche nach Dingen, die uns irgendwie fehlen. Das Geräusch des rauschenden Meeres, der Geruch von fremden Pflanzen oder der Geschmack eines bestimmten Gewürzes. Oder wie Botton schreibt: "Was wir im Ausland exotisch finden, ist vielleicht genau das, wonach wir uns zu Hause vergeblich sehnen."
Am Beginn des 19. Jahrhundert war es der Orient, der zum Inbegriff des Exotischen wurde. Geschichten aus 1001 Nacht, Prinzessinen und Prinzen, Sultane, Wasserpfeifen, Harems und Paläste begeisterten Künstler und Schriftsteller. So brach etwa 1832 Eugène Delacroix (1798-1863) nach Nordafrika auf, um die Schönheit und das Fremde des Mittleren Ostens in der Malerei einzufangen.
Eugène Delacroix, Der Sultan von Marokko und seine Entourage, 1845

Heute bedienen wir uns, wie bereits erwähnt, in Bezug auf den Begriff ´Exotik´ vor allem dem Sujet der Tropen. Geprägt noch immer durch Paradies-ähnliche, verheißungsvolle Vorstellungen, die uns von den Entdeckungsfahrten eines Cook oder Marco Polo überliefert sind. Meist verbunden mit glamourösen Erzählungen von Schriftstellern der Kolonialzeit, die den Daheimgebliebenen von wunderschönen Landschaften, wunderschönen Menschen und himmlischen Essen berichteten. Singapur, Hong Kong, Shanghai - das sind Namen, die heute noch immer so klangvoll und verlockend erscheinen wie vor hundert Jahren. Erst wenn man dann inmitten der Häuserschluchten, an im Verkehr erstickenden Schnellstraßen steht, stellt man fest, dass eigentlich alles mehr an die gesichtslosen Vororte von LA erinnert als an das, was man sich unter Asien vorgestellt hat.

"Wer irgendwo im Zentrum einer ostasiatischen Metropole - etwa in Seoul oder Kanton - um sich blickt, steht vor einem merkwürdigen kulturellen Rätsel: Abgesehen von der Schrift auf den Reklametafeln kann nämlich nur wenig von dem, was man im Blickfeld hat, als ´asiatisch´ im traditionellen Sinne bezeichnet werden. Es gibt wohl die pseudotraditionellen Fassaden - japanische Bambusvorhänge, goldene chinesische Drachen, die Mauern koreanischer Bauernhäuser - bestimmter Restaurants, in denen lokale Speisen serviert werden, aber das alles kann man auch in London oder New York sehen. ... Und doch ... irgend etwas ist anders. Diesen Stadtlandschaften haftet etwas Nichtwestliches, ja, etwas ausgesprochen Ostasiatisches an, das sich nicht leicht festmachen lässt." (Ian Buruma, 2003)
Liegt die Exotik in Wirklichkeit im Detail? Eine wunderschöne Blume, die irgendwo im fernen Asien in einem Papierkorb steckt. Oder ist ´Exotik´ tatsächlich nur eine Art romantisierte Erwartungshaltung gegenüber dem Fremden, die mit der Realität nichts zu tun hat?
Literatur:
Alain de Botton, Kunst des Reisens, 2002, S.77ff
Holger Schnitgerhans, Vorwort, in: Merian Japan, Februar 2001, S.3
Ian Buruma, Asien als Themenpark, in: Lettre International, Winter 2003, S.56-59
Bilder:
Flowers, Hongkong 2004
Hollywood Road, Hongkong 2004
© Thomas Hirtenfelder
Eugène Delacroix, Der Sultan von Marokko und seine Entourage, 1845
http://www.abcgallery.com/D/delacroix/delacroix-2.html
8:51 AMsuper schönes Bild (Mülleimer/Blume)! wie immer spannend zu lesen und informativ;)
C.
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