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narita lounge

enjoy your flight

farewell

Monday, July 24, 2006

Hiroshi Sugimoto, Pacific Ocean IV, 1988

Der Kreis schließt sich und mein Blog kommt an dieser Stelle zu einem (vorläufigen) Ende. Ich habe die Transitlounge verlassen, über Schlagworte wie "Transit" und "Exotik" philosophiert, bin tief in mein persönliches Japan eingetaucht, hab mein Bild- und Literaturarchiv verwertet, ließ mich von Haruki Murakamis atmosphärischen Erzählungen inspirieren und bin im letzten Eintrag schließlich angekommen. Angekommen in einer Stadt, die 5.445 Flugmeilen vom Flughafen Narita entfernt, auf der anderen Seite das Pazifiks liegt: Los Angeles.

Habe ich das vermeintliche Rätsel um Japan geklärt? Wäre ein Japaner einverstanden mit meinen Ergebnissen? Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Ich denke aber, dass es mir zumindest gelungen ist, den aktuellen Lifestyle Japans - den Zeitgeist der "Starbucks-Generation" wie man sie nennen könnte - anhand von verschiedensten Beispielen / Phänomenen zu portraitieren. Auch die immense Bedeutung technologischen Fortschritts im modernen Japan war immer ein Thema meiner Einträge. Über die eklektische Mode der Harajuku-Szene und einen kurzen Exkurs zur japanischen Gegenwartsarchitektur (Wonderwall, Roppongi Hills) wollte ich schließlich noch zur Bedeutung aktueller, japanischer Kunst kommen und eine Verbindung zum derzeitigen Kunst-Boom an der amerikanischen Westcoast herstellen. Da ich dieses Blog aber auf keinen Fall komplett aufgeben möchte, werden im Laufe des Sommers (und vielleicht auch noch für unbestimmte Zeit danach) immer wieder neue Einträge dazukommen.

Vorerst begebe ich mich allerdings ... (Nein! Leider nicht nach Japan; obwohl eine Reise natürlich der beste Abschluss dieses Semesters wäre) ... zum Nachdenken und Ausruhen zurück an die Küste des Pazifischen Ozeans, irgendwo zwischen Malibu und Ventura. Wenn schon nicht real dann wenigstens in Form eines Photos ... Auf jeden Fall ist dieser Ort ein guter Ausgangspunkt für neue Annäherungen an das Land auf der anderen Seite des Pazifiks.


Und wenn mir das nicht reicht, kann ich immer noch der Aufforderung der netten Dame auf dem Singapore Airlines Plakat nachkommen und einen der "Daily Non Stop" Flüge nach Tokyo nehmen ...


Man sieht sich in der "Narita Lounge"!

Take care!

-Thomas

PS: Mehr zu Hiroshi Sugimoto und seinem photographischen Werk folgt im nächsten Eintrag, der sich wie oben angekündigt mit japanischer Gegenwartskunst beschäftigen wird.

Bilder:
Hiroshi Sugimoto, Seacape - Pacific Ocean IV, 1988
http://www.artnet.de/artwork/424150774/hiroshi-sugimoto-pacific-ocean-iv.html

alle anderen Bilder
© Thomas Hirtenfelder, 2006

trans pacific


"Flying from the east to the west (and ending up in the east) makes for a very long day. We left JFK (Anm.: New York) at 11am and we´ll arrive in Narita (Tokyo) at 3pm (14 hours later, strangely enough) and the sun won´t have gone down but it will be the next day. It´s like magic, isn´t it? It´s still the same day, but it´s the next day." (Moby, 2002)

Das Überqueren des Pazifiks und damit der internationalen Datumsgrenze ist auf jeden Fall eine interessante Sache. Um von Nordamerika nach Japan zu gelangen und umgekehrt ist man gezwungen diese eigenartige Schwelle zu überschreiten bzw. zu überfliegen. Dass Japan aus amerikanischer Perspektive noch dazu einen Tag in der "Zukunft" liegt, finde ich besonders spannend. Eine Metapher?

Gleichzeitig führt die Datumsgrenze natürlich verschiedenste Konstrukte der Menschheit ad absurdum. "Zeit" zum Beispiel. Ein System auf das wir uns täglich berufen, verliert plötzlich seine Gültigkeit wenn wir durch das Übertreten einer fiktiven Schwelle einen Tag unseres Lebens verlieren bzw. gewinnen (in der Gegenrichtung). Je schneller das Verkehrsmittel desto deutlicher tritt dieser Effekt in Erscheinung. Oder auch die Problematik der "Richtung". Es wird deutlich, dass Kategorien wie "West" oder "Ost" immer nur ganz stationär Gültigkeit haben, im globalen Kontext allerdings nicht funktionieren. Nimmt man beispielsweise den Singapore Airlines Non-Stop-Flug von New York nach Singapur fliegt man weder in den Osten noch in den Westen sondern in den Norden und dann in den Süden. Irgendwie verwirrend, oder? Betrachtet man allerdings den Globus (bekanntlich eine Kugel!) so ist alles vollkommen klar: Da sich Singapur sozusagen gegenüber von New York auf der anderen Seite des Erdballs befindet, muss natürlich eine Route über den Nordpol gewählt werden. Auch hier verliert man zusätzlich noch einen ganzen Tag. Die Maschine verlässt New York um 23 Uhr Ortszeit und landet nach 15.300 Kilometern und etwa 18 Stunden Flugzeit zwei Tage später (!) um 5 Uhr 30 am Changi-Airport in Singapur.

"Hey. It´s 12 a.m on saturday evening here in Tokyo. Which means that it´s 10 a.m friday in NYC. Which means 3p.m friday in the UK. Which means that it´s, uh, oh, late. Somewhere." (Moby, 2002)

Fazit dieses kleinen Exkurses: will man den menschlichen Biorhythmus auf möglichst umfangreiche Art und Weise durcheinander wirbeln, sollte man sich ins Flugzeug von Amerika nach Asien oder Australien setzen. Ein Zustand, den uns Sofia Coppola mit "Lost In Translation" eindrücklich vor Augen geführt hat. Schlaflos taumeln die beiden Hauptdarsteller durch ein Tokyo, in dem sie nie wirklich angekommen sind.


Trotz dieser immensen Schwelle rücken die pazifischen Nachbarn USA (oder besser Kalifornien) und Japan immer näher zusammen. Die Gemeinsamkeiten sind bei genauerer Betrachtung verblüffend.

Mit Los Angeles und Tokyo verfügen beide über vergleichbare, urbane Mega-Regionen. Betrachtet man die Licht-Emissionen aus dem Weltall, wird das tatsächliche Ausmaß der fast lückenlosen Besiedelung Zentraljapans deutlich. Allein die Einwohnerzahl von "Greater Tokyo" (Tokyo und die umliegenden Städte) liegt nach dieser Rechnung bei etwa 55 Millionen Menschen.

"Japan is less a country than a series of linked Mega-regions, anchored by Greater Tokyo: indeed a close look at the light emissions map shows that its three major Megas may well be blurring into one super-Mega of more than 100 million people."
(Richard Florida, 2006)

Auch Los Angeles ist eigentlich keine Stadt im herkömmlichen Sinne, sondern ein Netz aus dutzenden Ballungsräumen. Dieses Netz ist wiederum eingebunden in ein größeres Netz, das nahezu nahtlos von Los Angeles über San Diego bis nach Tijuana in Mexiko reicht. In der "Rand McNally California State Map" heißt es zum Großraum LA:

"The world´s entertainment capital sprawls from the ocean´s edge, up and over foothills and mountains, forming a vast metropolis of communities united by a web of freeways."


Aus städtebaulicher Sicht sind diese beiden "Agglomerationen" natürlich eine Horrorvision. Keine der beiden Städte hat ein echtes "Zentrum", stattdessen gibt es mehrere kleinere Zentren, die entweder kreisförmig (Tokyo) oder ziemlich willkürlich (Los Angeles) verteilt sind. Die geographische Mitte beider Städe bleibt hingegen ohne besondere Bedeutung (vgl. Post-Strukturalismus u. Roland Barthes - im Seminar ausführlich besprochen). In beiden Fällen gibt es offenbar eine lange Tradition der "suburbanen" Einfamilienhaus-Siedlungen, die jedoch nie lange am äußersten Rand bleiben und schließlich wieder selbst den eigentlichen urbanen Kern bilden. Dies wiederum läßt die Mieten regelmäßig in konzentrischen Kreisen rundum die sogenannten "Stadtzentren" ansteigen. Entfernung wird zum finanziellen Faktor.

"In places like southern California, each exit along the interstate saves you tens of thousands of dollars."
(Keith Naughton, 2006)

Günstige Wohnviertel verlagern sich also immer weiter und weiter weg von den Arbeitsplätzen, was schließlich zu einem enormen Pendler-Aufkommen und letztendlich zu einem verkehrstechnischen Superchaos führt.

Immer mehr Menschen in Japan und Kalifornien sind täglich mehr als 90 Minuten zu ihrem Arbeitsplatz unterwegs. In Tokyo quetscht man sich in hoffnungslos überlastete U-Bahnen, in Los Angeles reiht man sich, angesichts des quasi nicht existenten öffentlichen Verkehrs, geduldig in einen der Dauerstaus auf den Freeways ein. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Im Gegenteil. Das enorme Wachstum der größten Megastädte (New York, LA, London, Tokyo,...) läßt spürbar nach, stattdessen werden die sogenannten "second cities" und "suburbs" immer bedeutender. Städte wie Las Vegas verzeichnen beispielsweise jährliche Rekordwachstumsraten von 2-3 Prozent und mehr. Tendenz steigend. Zu betonen ist aber, dass viele Menschen die "second cities" nur als Wohnort nutzen. Laut einem aktuellen "Newsweek"-Artikel zu diesem Thema, gibt es sogar eine steigende Zahl von Personen, die mehrmals pro Woche mit dem Auto sechs Stunden von Las Vegas nach LA pendeln!

Las Vegas; vom Flugzeug aus gesehen

Von der Pendler-Problematik kommt man unvermeidlich auch zum Thema "Auto". Japan als derzeit wichtigster Autoproduzent, Kalifornien als größter Absatzmarkt. Japan ist in den letzten Jahren zum weltweit wichtigsten Autoproduzenten aufgestiegen. Die Toyota Motor Corp. ist sogar Weltmarktführer in diesem Sektor und beliefert dabei vor allem einen Markt: USA. Vor allem natürlich Kalifornien. Es gibt wohl keinen Ort der Welt wo das Auto einen derart hohen Stellenwert hat wie in Los Angeles. Kein Wunder, denn öffentlicher Verkehr ist bis auf wenige Buslinien und eine halbherzig errichtete U-Bahnstrecke ein Fremdwort. Mindestens eine Stunde verbringt jeder Kalifornier täglich hinter dem Steuer seines Fahrzeugs.

"Anyone on foot in suburban California is one of four things: poor, foreign, mentally ill or jogging." (Hari Kunzru, 2004)


Und es sind nicht irgendwelche Fahrzeuge, die in Kalifornien gefahren werden. Überirdisch glänzende Kunstwerke aus Stahl, Aluminium und Chrom bestimmen das Bild auf den unzähligen Highways. "Show me what you drive and I tell you who you are." scheint das Motto auf den Straßen zu sein. Früher waren es überwiegend Autos amerikanischer Hersteller, heute dominieren Marken wie Nissan, Toyota, Lexus, VW, Audi, BMW und Mercedes. Jemand hat einmal behauptet, dass man jedes Automodell, das je produziert wurde zumindest einmal sieht, wenn man lange genug auf den Straßen von LA unterwegs ist. Sieht man die enormen Blechkolonnen zum ersten Mal mit eigenen Augen, scheint diese Vermutung gar nicht so abwegig zu sein.


Ein ganz anderes Thema ist "Entertainment". Ein Industriezweig, der in beiden Ländern von immenser Bedeutung ist. Computerspiele, Spielkonsolen, Pachinko-Hallen, Karaoke, Mangas, Anime und Monsterfilme aus Japan treffen auf Hollywood-Kino, Zeichentrickfilme, 3D-Animationen, Special Effects und Themenparks aus Kalifornien. Der ständige, transpazifische Austausch von Technologie und Ideen sorgt dafür, dass immer neue Produkte auf den Markt kommen. Zusammen diktieren die beiden Länder sozusagen die Freizeitgestaltung auf dem gesamten Planeten.



Ähnlich verhält es sich mit "Technik". Die meisten Geräte in unseren Haushalten stammen noch immer entweder aus Asien (China, Japan) oder Nordamerika. Wir hören Musik mit dem iPod von Apple (USA, Kalifornien), verfolgen unsere Lieblingsserie auf einem Fernsehgerät von Toshiba (Japan), vertreiben uns die Zeit vor der Sony Playstation (Japan) und treten mit Hilfe eines Motorola-Handys (USA) in Kontakt mit unseren Freunden.

Wie sieht es aber mit der Kultur der beiden Länder aus? Hier gibt es doch massive Unterschiede, oder? Japan blickt im Gegensatz zum heutigen Kalifornien auf eine Jahrtausende alte Geschichte zurück. Tempelanlagen und Ruinen zeugen von vergangenen Zeiten und uralte Traditionen leben im Schatten der Hochhäuser Tokios unverändert weiter. Die ständigen Erdbeben (diese Gefahr gibt es ja auch in Kalifornien!) und die Kriege des 20. Jahrhunderts haben allerdings entscheidend dazu beigetragen, dass zum Beispiel nur wenige Gebäude aus der Edo-Zeit bis heute überlebt haben. In den meisten Gegenden Tokios gibt es kaum Gebäude, die älter als 50 Jahre sind. Das heutige Erscheinungsbild der Stadt wurde eigentlich erst in der Zeit des großen Wirtschaftsbooms von den 60er bis in die späten 80er Jahre geprägt. Architektonisch orientierte man sich dabei offensichtlich vor allem an amerikanischen Vorbildern wie New York und vor allem Los Angeles.

Bürohochhäuser in Shinjuku, Tokyo

Wie alle anderen asiatischen Länder, allen voran China, scheint auch Japan ständig damit beschäftigt zu sein, die eigene Kultur unter einer dicken Schicht importierter (meist westlicher) Artefakte zu vergraben. Teilweise werden sogar asiatische bzw. japanische Artefakte reimportiert, die sich am globalen Markt und in den Japantowns der Welt bewährt haben. Ich denke da zum Beispiel an die pseudo-traditionalistischen Fassaden von Restaurants, wie man sie auch hierzulande finden kann oder an vermeintlich authentische (für Touristen adaptierte) Teezeremonien und Sushi-Sets. Es wird sozusagen eine künstliche, kulturelle Leere geschaffen. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass selbst die alten Tempelanlagen für viele Besucher wirken wie Disneyland-Attrappen. Ein Bekannter, der kürzlich in Kyoto war, meinte etwa, dass der berühmte goldene Pavillon des Kinkakuji-Tempels in Wirklichkeit nicht besonders beeindruckend sei, da er aussehe als wäre er eine billige Nachbildung aus Plastik. Damit wären wir wieder bei Kalifornien angelangt, wo tatsächlich alles nur aus Plastik ist, aber dennoch irgendwie authentisch wirkt. Authentische Künstlichkeit eben. Oder auch kalkulierte Oberflächlichkeit? Pico Iyer zitiert in seinem Buch "Sushi in Bombay - Jetlag in L.A." den Schriftsteller Christoper Isherwood:

"Es ist weit weniger wahrscheinlich, dass uns synthetische Oberflächen gefangen nehmen, als ´dieser ganze überholte Kult mit den Kathedralen und Erstausgaben, den Modellkleidern aus Paris und den Weinsorten nach Jahrgängen!´ Kalifornien fördert die Transzendenz, so argumentiert er, gerade weil es nur leere Oberfläche ist." (Pico Iyer, 2002)

Pseudo-europäische Fassaden am Rodeo Drive in LA

Ist Japans vielzitierte Dualität zwischen Tradition und Hypermoderne vielleicht doch nicht so zentral? Gelingt es den Japanern tatsächlich kulturelle Integrität zu wahren? Ist das eigentliche Erfolgsrezept Japans auf lange Sicht vielleicht doch eher die totale "Kalifornisierung" bzw. eine Art "Veroberflächlichung"? Andere asiatische Länder machen es derzeit vor: China, Südkorea, Taiwan - sie alle bauen ihre Städte nach amerikanischen (kalifornischen) Vorbildern und statten sie mit sogenannten "westlichen Annehmlichkeiten" aus: Hilton, Holiday Inn, McDonalds, Starbucks, ...;

"Mit der Zeit wird sich zeigen, ob es den Städten gelingt, ihren einzigartigen asiatischen Charakter zu erhalten, während sie sich einem internationalen Facelifting unterziehen für den Einzug in das ´pazifische Jahrhundert´."
(Nancy Chikaraishi im Vorwort zum Buch "Cities of the Pacific Century" von Ulf Meyer, 2004)


Starbucks ist eine gute Überleitung zum Thema "Kommerz". Kalifornien und Japan weisen weltweit die höchste dichte an Starbucks-Filialen auf. 2.013 sind es in Kalifornien, etwa 650 gibt es in Japan, allein 216 davon in Tokyo. Auch was den Umgang mit Konsum betrifft ähneln sich die pazifischen Nachbarn stark. Shopping ist auch in den USA die absolute Nummer Eins in der Liste der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Die Öffnungszeiten sind großzügig, das Angebot ist unüberschaubar. Auf jeder Seite des detaillierten "Los Angeles County Street Guide", der gerade vor mir liegt, finden sich unzählige kleinere und größere Malls, die sich meist "...Center", "...Place", "...Plaza", "...Village" oder gar "...Shoppingtown" nennen. DIese Orte stellen in einer "Stadt" wie LA die einzige Öffentlichkeit dar, mit der die Bewohner konfrontiert sind. Das Flanieren entlang traditioneller Einkaufsstraßen, wie wir es aus Europa kennen, ist hingegen ausschließlich den Nobelorten Beverly Hills (Rodeo Drive - siehe Bild weiter oben) und Santa Monica (3rd Street Promenade, Montana Avenue) vorbehalten.

South Coast Plaza Shoppingcenter, Costa Mesa

Man könnte noch unzählige andere Parallelen zwischen Kalifornien und Japan aufführen. Das würde aber den Rahmen dieses ohnehin schon sehr ausführlichen Eintrags auf jeden Fall sprengen.

Fazit: Japan und Kalifornien sind die Motoren, die unseren Planeten derzeit antreiben. Technologie, Mode, Kunst, Design, Architektur, Essen, Urbanität, ...
es gibt kaum einen Aspekt unseres Lebens, der nicht von diesen Ländern entscheidend mitgeprägt wird. Willkommen im pazifischen Jahrhundert!

Der pazifische Ozean bei Laguna Beach, Kalifornien

Kafka on the Shore?

"Kafka sits in a chair by the shore, Thinking of the pendulum that moves the world, it seems..." (Haruki Murakami, 2005)



Literatur / Quellen:

Moby, Journal:
http://www.moby.com/journal/2002-02-09/the_next_few_months.html
http://www.moby.com/journal/2002-02-15/times.html

Richard Florida, The New Megalopolis, in: Newsweek July 3 / July 10, 2006, S. 64f.
Keith Naughton, Tailing the X-Commuter, in: Newsweek July 3 / July 10, 2006, S.71
Rana Foroohar, Unlikely Boomtowns, in: Newsweek July 3 / July 10, 2006, S.50-53
Hari Kunzru, Transmission, 2004, S.xx (wird ergänzt - Buch nicht griffbereit)
Pico Iyer, Sushi in Bombay Jetlag in L.A. - Unterwegs in einer Welt ohne Grenzen, 2002, S.288
Nancy Chikaraishi, Vorwort, in: Ulf Meyer, Cities of the Pacific Century - Reportagen und Essays aus Ostasien, 2004, S.7-9
Haruki Murakami, Kafka on the Shore, 2005, S.299

Bilder:

© by Thomas Hirtenfelder 2003-2006

always on

Thursday, July 13, 2006

Spätestens seit Technologien wie das Internet und Mobiltelefone unsere Welt erobert haben, leben wir endgültig in der `always-on era´ (vgl. Howard Rheingold). Man ist immer erreichbar und oft sogar immer ´online´ (ich kenne viele Menschen, die Computer und Modem grundsätzlich nie ausschalten). Selbst wenn wir schlafen sorgt zum Beispiel das Handy ganz automatisch dafür, dass die Verbindung zur Außenwelt erhalten bleibt. So tritt es etwa unbemerkt aber regelmäßig mit dem nächsten Sendemast in Verbindung und sorgt dafür, dass man uns immer und überall orten kann.

Außerdem gibt es da noch etwas, das in der neuesten Forschung "tele-cocooning" genannt wird. Mizuko Ito ist Kulturanthropologin in den USA und Japan und hat diesen Begriff mit dem 2005 von ihr herausgegebenen Buch "Personal, Portable, Pedestrian - Mobile Phones in Japanese Life" entscheidend mitgeprägt. Durch mobile Netzwerke entsteht laut Ito eine ganz neue Form von "full-time intimacy". SMS-Nachrichten fungieren dabei als "social glue" zwischen drei bis fünf engen Freunden. Ihr Inhalt oder die damit kommunizierten Informationen sind nebensächlich. Vielmehr geht es einfach darum ab und zu ein Lebenszeichen zu übermitteln, um ein Gefühl von ständiger Präsenz aufrecht zu erhalten.

"This persistent, low-level form of contact is really all about maintaining a sense of constant "presence" with people who are elsewhere, says Ito. The virtual world created by the mobile is a shared social space, something always with you; the point is to be always on and always connected, even if right now you have nothing much to say. That suggests that the seemingly pointless, reflexive text messages that pass back and forth are primarily a way to reinforce a social bond and a sense of presence." (Richard Waters über das Buch von Mizuko Ito, 2005)

Eine Tatsache, die jeder von uns leicht überprüfen kann. Bei genauerer Betrachtung ist kaum eine SMS im Eingang oder Ausgang unseres Handys gespeichert, die irgendeine wichtige Information enthält. Zumindest keine, die man nicht auch anders hätte übermitteln können. Genauso wie wir das Handy auch sehr oft nur als orales GPS verwenden, wenn wir "Wo bist du jetzt?", "Ich bin jetzt im Bus." oder "Ich bin am Treffpunkt aber sehe dich nicht." in die Mikrofone rufen.


"Tag und Nacht stehen hier (Anm.: am Hachiko-Square) Menschen, die sich verabredet haben und "ima doko?" ("wo bist du jetzt?") in ihre Handys rufen, bevor sie sich in das Getümmel der angrenzenden Geschäftsstraßen stürzen, in eines der Love-Hotels, eine Pachinko-Halle oder ein ausgeflipptes Themenrestaurant. Handys haben hier so starke Verbreitung gefunden, weil sie als GPS für Stadtbewohner fungieren. Im urbanen Dschungel von Tokyo, wo nur die großen Boulevards Namen haben, sind sie ein zur Orientierung unverzichtbares Navigationsgerät." (Ulf Meyer, 2004)


"...some of the people milling around Hachiko are invisibly coordinated by flows of electronically mediated messages. A growing number of people at Shibuya Crossing now divide their attention among three places at the same time. There´s the physical world where pedestrians are expected to avoid walking into each other. Surrounding the crowd is an artificial but concrete world, the city as the all-enclosing environment of commercial propaganda described more than thirty years ago as ´The Society of the Spectacle´. Less garish but no less influential than the neon and video of the twenty-first-century metropolis are the private channels of the texting tribes (Anm.: ´texting´ = SMS schreiben), a third sphere in which bursts of terse communications link people in real time and physical space. ... The crosswalk works on the scramble system. Every time the lights turn green, 1.500 people cross from eight directions at once, performing a complex, collective, ad hoc choreography that accomplishes the opposite of flocking; people cooperate with immediate neighbors in order to go in different directions. In addition to negotiating split-second coordination with moving strangers, many in this crowd carry on simultaneous conversations with people located elsewhere."
(Howard Rheingold, 2003)


Japan ist aufgrund des extrem hohen technologischen Standards natürlich das derzeit spannendste "real-life" Forschungslabor um solche sozialen Entwicklungen zu beobachten. Internet am Handy und mobile Videotelefonie gibt es schon seit Jahren, 3.2 Megapixel-Kameras gehören zur Basisausstattung und beinahe wöchentlich erscheinen neue, futuristische Handymodelle. Das größte und innovativste Telekom-Unternehmen Japans ´NTT DoCoMo´ entwickelt in seiner Forschungsabteilung Technologien wie ´Finger Whisper´ oder ´Osaifu Keitai´. Bei ´Finger Whisper´ geht es darum das Telefon durch eine am Handgelenk getragene Einheit (ähnlich einer Armbanduhr) zu ersetzen. Die Stimme des Anrufers wird dabei nicht auf einen Lautsprecher übertragen sondern in Vibrationen umgesetzt, die über den Knochen zum Zeigefinger übertragen werden. Man muss also nur noch den Zeigefinger zum Ohr führen und ins Mikrofon am Handgelenk sprechen. Wesentlich weniger utopisch ist da schon ´Osaifu-Keitai´, was soviel heißt wie "Mobiltelefon mit Geldtaschen-Funktionen". Auf der Titelseite der NTT DoCoMo-Webpage heißt es weiter: "A mobile phone is evolving into a lifestyle infrastructure." In das ´Osaifu-Keitai´ ist eine Art elektronische Geldbörse integriert, wie wir sie von unserer Mensa-Card kennen. Das Handy muss an der Kasse nur noch über ein entsprechendes Terminal geführt werden und der Zahlungsvorgang ist erledigt. ´Osaifu Keitai´ ist bereits in viele, aktuelle DoCoMo Handymodelle integriert und wird an immer mehr Standorten (Geschäfte, Automaten, usw.) in Japan akzeptiert.

DoCoMo F902IS - aktuellstes Handymodell; Kooperation mit Microsoft

Ebenfalls äußerst erfolgreich etabliert hat sich die vor einigen Jahren von NTT DoCoMo entwickelte ´i-mode´ Internet-Technologie. Bereits im Jahr 2002 nutzten 30 von 127 Millionen Japanern täglich das Internet auf ihren Handys. "i-mode" stellt auf dem Handy ständig einen ´always-on´ Netzzugang zur Verfügung. Umständliches Ein- oder Ausloggen entfällt und man bezahlt nicht die genutzte Zeit im Internet sondern die Transfer-Datenmengen. Innerhalb weniger Sekunden können hunderttausende speziell auf i-mode zugeschnittene iHTML Seiten (HTML-Seiten sind extrem leicht in iHTML zu übersetzen) auf den hochauflösenden Farbbildschirm des Handys geladen werden. Die Hauptnutzer der Technologie sind natürlich Japans Teenager und die wollen damit hauptsächlich Spass haben. Der Fun-Faktor steht bei den Content-Produzenten deshalb immer im Vordergrund und die meisten Inhalte werden perfekt auf die 15- bis 18-jährigen zugeschnitten. Ob es nun lustige Klingeltöne sind (auch hierzulande dank Jamba und Co. kein unbekanntes Phänomen mehr), Spiele, MP3-Songs, Mini-Sitcoms oder Musikvideos sind, die Kids lieben es und zahlen dafür monatlich im Schnitt etwa 80 Euro. Kein schlechtes Geschäft für die Telekommunikations-Unternehmen. Analysten sagen voraus, dass ´Mobile content´ für Multimedia-Handys (wenn der Boom anhält) schon bald zu einem weltumspannenden Milliardenbusiness werden könnte.


´Keitai´, der japanische Begriff für Handy, bedeutet grob übersetzt übrigens so etwas wie "something you carry with you" - eine schöne Parallele zu den Theorien von Mizuko Ito. Das Wort ´something´ bietet viel Raum für Interpretation. Man nimmt sozusagen ´etwas´ mit - aber was? Natürlich primär den Lifestyle-Gegenstand Handy selbst, aber immer auch das was das Ding verkörpert. Das Handy als Schnittstelle eines ganz persönlichen, sozialen Netzwerks - unabhängig von räumlichen Strukturen. Das Handy als eine Art bewegliche Boje, die einen wichtigen Knotenpunkt eines im weltweiten Daten-Ozean schwimmenden Netzes markiert.

Die Verwendung von maritimen Vergleichsbildern ist in Verbindung mit virtuellen Welten und Netzwerken interessanterweise gar nicht so ungewöhnlich, sondern sogar sehr verbreitet (vgl. Byung-Chul Han). Zur Orientierung im Internet verwenden wir zum Beispiel einen "Explorer" oder einen "Navigator" (Netscape Navigator - eigentlich der erste und lange Zeit führende Browser; mittlerweile durch aggressive Marktstrategien von Microsoft verdrängt). Ganz zu schweigen davon, dass wir völlig selbstverständlich im Internet "surfen" und nicht etwa darin "herumwandern" oder "nachschlagen". Und was ich gerade in diesem Moment benutze nennt sich "Web-Log", im Prinzip nichts anderes als ein digitales "Logbuch" meiner Entdeckungsfahrten im "realen" und virtuellen, weltweiten "Informationsmeer".


"Das World Wide Web hat die Welt in gewisser Hinsicht in eine maritime Landschaft verwandelt. Wenn man den Netscape Navigator anklickt, erscheint ein nächtliches Meer mit Sternen und hellem Leuchtturm. Man navigiert durch das unendliche Meer von Informationen. Ins World Wide Web sticht man also wie in ein weites Meer. Statt ´sich einloggen´ könnte man ´sich einschiffen´ sagen. Allerdings erscheint das Meer nicht mehr so bedrohlich wie in den früheren Zeiten.... Das Surfen ist gewiß das Gegenbild jener abenteuerlichen Seefahrt ins Ungewisse. Der User ist ein Tourist im World Wide Web, der sich durch Hyperlinks fortbewegt. Das Surfen spiegelt das Lebensgefühl wider, das längst auch außerhalb des Computers wiksam ist. Der User ist unterwegs im World Wide Market, d.h. Hypermarkt, im Hyperraum der Information. ... Der User hat nicht die Einstellung eines abenteuerlichen Seefahrers, sondern die eines Konsumenten, ja eines Touristen." (Byung-Chul Han, 2005)

Womit wir wieder bei der Frage nach Reisen, Touristen, Zwischenwelten (Transitwelten) und Nicht-Orten angelangt wären. Sind wir nicht alle immer auch irgendwie Reisende? Touristen in unserer ganz persönlichen Welt? Menschen auf der Durchreise? Unser ganzes Leben lang sind wir auf der Suche nach verschiedensten Dingen. Auf der Suche nach neuen Identitäten, nach neuen Erfahrungen, nach Glück, nach Arbeit, nach dem neuen Buch von Autor X, nach diesem Song aus dem Radio, nach Ruhe, nach Japan und vor allem nach Informationen und Wissen. Technologie ist ein wesentliches Hilfsmittel für alle diese Suchmechanismen geworden. Google, Yahoo, Amazon, Wikipedia, Apple, Nokia, DoCoMo und Co. haben es sich zum Ziel gesetzt uns bei der Suche zu helfen und geben jedem, individuellen User das Gefühl rasch Antworten auf all seine Fragen bekommen zu können und dadurch wertvolle Zeit zu gewinnen.

Doch wird der Faktor ´Suche´ durch Erfindungen wie Google nicht noch bestimmender als er ohnehin schon war? Und sind wir dadurch nicht einfach nur zu noch stärker fragmentierten Konsumenten im globalen "Hypermarkt" geworden?


Genug der vielen Worte. Als kleines Special am Schluss gibts den Link zu einem netten Image-Video über die Zukunftsvisionen der "DoCoMo"-Entwickler. Achtung: Nur für Breitband-Nutzer!

Literatur / Quellen:

Howard Rheingold - Website: http://www.rheingold.com
NTT Docomo: http://www.nttdocomo.com
Mizuko Ito-Blog: http://www.itofisher.com/mito/
Richard Waters, Plugged into it all, in: FT Magazine, Financial Times Weekend November 12/13, 2005, S.22
Ulf Meyer, Cities of the Pacific Century - Reportagen und Essays aus Ostasien, Berlin 2004, S.31
Howard Rheingold, Smart Mobs - The Next Social Revolution, 2003, S.2
Andre Kunz, i-Mode - Fun, Farbe und Freiheit, in: Mini International Magazine - Tokyo, Februar 2002, S.32
Byung-Chul Han, Hyperkulturalität - Kultur und Globalisierung, Berlin 2005, S.72f.

Bilder:

Docomo-Phone F902IS
http://www.3g.co.uk/PR/July2006/3303.htm

alle anderen Bilder
© by Thomas Hirtenfelder

conbini people

Wednesday, July 12, 2006

Um eine Verbindung zu einem meiner ersten Blog-Einträge "Transit" herzustellen und den Kreis zu schließen, möchte ich noch kurz auf den 24-Stunden ´convenience store´ als Reisestation und damit ´Nicht-Ort´ (´non-place´ vgl. Marc Auge) eingehen.

"Sie hatte etwas Poetisches, diese verlassene Raststätte auf ihrem Wall oberhalb der Autobahn. fern der bewohnten Welt. Ihre Ausstrahlung erinnerte mich an andere Reisestationen von gleicher, ebenfalls unerwarteteter Poesie - an Flughafenterminals, Häfen, Bahnhöfe und Motels ..." (Alain de Botton, 2002, S.42)

Mojave, 2006

"Das rund um die Uhr offene Diner, der Wartesaal eines Bahnhofs oder das Motel sind Freistätten für die, die aus achtbaren Gründen in der normalen Welt nicht heimisch geworden sind, ..." (Alain de Botton, 2002, S. 64)

Bevölkert werden diese Nicht-Orte bevorzugt von Menschen im Transit. Dies können Menschen sein, die tatsächlich materiell unterwegs sind oder auch Reisende im Sinne von ´auf der Suche sein´. Vielleicht sind sie auf der Suche nach einer anderen Identität oder einer neuen Heimat außerhalb der ´normalen´ Welt. Eine Verortung im schwebenden Zustand des Transits / des Nicht-Ortes als Möglichkeit für "globale Seelen" (vgl. Pico Iyer) irgendwie heimisch zu werden.

JFK Terminal One, 2004

"Viele der Plätze in unserer Umgebung sehen so anonym aus wie ein Warteraum. Die globale Seele scheint heutzutage nur noch inmitten des Fremden und nicht Entzifferbaren eine Heimat finden zu können." (Pico Iyer, 2002, S.273)

Ein Leben zwischen Hotelzimmern, Flughafenlounges, Autobahnen, Shoppingcentern, virtuellen Textwelten (Internet, Chatrooms, SMS) und dem einen oder anderen ´convenience store´. Eine Welt voller Murakami-Charaktere, die ihre Nächte in anonymen Jazz-Bars bei Bier und Whisky verbringen, auf verschneiten Flughäfen in Nordjapan festsitzen, zum Zeitvertreib auf verregneten Küstenstraßen herumkurven und stärkere emotionale Bindungen zu ihren Autos (entortete, mobile Gegenstände) aufbauen als zu irgendeiner Person. Reisende "Geister", die sich im Fluxus (´flux´ / Transit) treiben lassen ...

"Stuff happened, people appeared, scenes changed. Not very long ago I was wandering around, nearly blind, in a Sapporo blizzard. Now I was lolling on the beach at Waikiki, gazing up at the blue. One thing led to another. Connect the dots. Dance to the music and here´s where it gets you." (Murakami, 1994)


Literatur / Quellen:

Marc Auge, Non-Places. Introduction to an Anthropology of Supermodernity, 1995
Alain de Botton, Kunst des Reisens, 2002, S.41-70
Pico Iyer, Sushi in Bombay Jetlag in L.A. - Unterwegs in einer Welt ohne Grenzen, 2002, S.273
Haruki Murakami, Dance Dance Dance, 1994, S.233

Bilder:

© by Thomas Hirtenfelder

conbini


´Conbini´ ist das japanische Wort für einen 24-Stunden ´convenience store´. Man findet solche Allround-Minisupermärkte hauptsächlich an Tankstellen, Autoraststätten, Bahnhöfen und auf dem einen oder anderen Flughafen. Nur selten haben sie hierzulande jedoch tatsächlich rund um die Uhr geöffnet und die Auswahl ist oft sehr eingeschränkt. Anders in Japan und den USA. Dort ersetzen die ´convenience stores´ alles was sonst nicht mehr geöffnet hat oder einfach zu weit weg ist. Vom kompletten Supermarktsortiment über den Copyshop und Kiosk bis zum Schnellrestaurant werden unzählige Dienstleistungen angeboten.

7 Eleven, Hong Kong, 2004

Man findet sie außerdem nicht nur an Autobahnen und anderen Reisestationen sondern oft mitten in den Städten. Erfunden wurde der ´convenience store´, wie könnte es auch anders sein, natürlich in den USA. 1927 eröffnete in Dallas, Texas die erste Filiale der "Southland Ice Company", die später unter dem Namen "7 Eleven" bekannt wurde, da die Filialen anfangs von 7 Uhr morgens bis 11 Uhr abends geöffnet waren. Zusammen mit anderen großen Ketten wie "am/pm", "Circle K". "E-Z Mart" oder "Sheetz" gibt es in den USA derzeit etwa 140.000 ´convenience stores´.

Big Pine, 2006

Die führenden Marken in Japan sind neben "7 Eleven" (der japanische Ableger hat unlängst sogar den finanziell angeschlagenen amerikanischen Mutterkonzern übernommen) "Family Mart" und "Lawson". Mit insgesamt etwa 38.000 ´conbini´ ist auch der japanische Markt bereits mehr als gesättigt. Die Unternehmen expandieren deshalb seit Jahren in Länder wie Südkorea, Thailand, Taiwan und natürlich China. Unternehmen wie "Family Mart" betreiben bereits ebenso viele Geschäfte im Ausland wie am japanischen Heimatmarkt. Seit 2005 ist "Family Mart" als erster japanischer ´conbini´- Konzern sogar in den USA vertreten. Unter der Marke "Famima!!" gibt es mittlerweile fünf Stores im Großraum Los Angeles und bis 2009 sollen es über 200 im ganzen Land sein. "Famima!!" stellt ein völlig neues Konzept dar. Weg vom Benzingestank-Image der übrigen, amerikanischen ´convenience stores´ hin zu einem hellen, freundlichen Crossover aus ´premium grocery´, ´quick service restaurant´ und eben ´conbini´ - "open 7 days a week from 6AM to 2AM". Anstelle von Fertig-Hotdogs (siehe aktuelle Titelseite der "am/pm" Webpage) werden frisches Sushi, Paninis, Suppen, Fruchtsalate und zahlreiche asiatische Nudel- und Reisgerichte angeboten. Gourmet-Zutaten und teure Teesorten ersetzen endlose Regale voller Kartoffelchips, Schokoriegel und Softdrinks. Natürlich gibt es auch eine große Auswahl an Zeitungen, trendigen Magazinen und japanischen Mangas.

Family Mart "Famima!!" Los Angeles

Auch bei der Verwendung modernster Technologie zur Profitmaximierung ist "Family Mart" den amerikanischen Konkurrenten weit überlegen. Jeder Angestellte benutzt einen hypermodernen, transportablen Touchscreen-Computer um Waren- bestände und Bestellungen zu verwalten. Verblüffend sind die Details die dabei ständig erfasst werden. So werden auf den Displays etwa Wetterberichte angezeigt um vorauszusehen ob Regenschirme nachbestellt werden müssen. An der Kasse wird dann jedem Einkauf ein spezieller Kundentyp zugewiesen (z.B.: männlich, 30 Jahre usw.) um später anhand dieser genauen Profile maßgeschneiderte Lösungen anzubieten. Gewinnoptimierung ist das Schlagwort und "Family Mart" ist überzeugt davon die perfekte Lösung dafür entwickelt zu haben. Auch für die Kunden wird einiges an Technologie bereitgestellt. So bieten die kalifornischen Outlets derzeit unter anderem digitale Fotoausarbeitung und digitale Kopien an.

"Famima!!"-Filiale in LA


Sehr interessant ist die Website von "Famima USA". Die genaue Markt- und Expansionsstrategie wird erläutert. So werden etwa die wichtigsten Straßenkreuzungen im Großraum LA aufgeführt und die Gegenden mit dem "highest living standard" definiert.

Der High-Tech 24-Stunden ´conbini´ als erfolgreiches Modell für die ganze Welt? Ich persönlich würde dies sehr begrüßen. Das Leben wird immer schneller, starre Raum- und Zeitstrukturen lösen sich immer mehr auf und dennoch müssen wir uns noch immer Öffnungszeiten unterwerfen, die wie vor hundert Jahren von Kirchen und Regierungen diktiert werden. Eine Diskussion über Ladenöffnungszeiten würde hier aber auf jeden Fall zu weit führen.

Sehr nahe am ´conbini´ Konzept sind meiner Meinung nach die qualitaiiven Mini-Märkte, die man an vielen Schweizer Bahnhöfen und am Flughafen Zürich findet. Vor allem die´avec´-Kette mit ihren mittlerweile etwa 30 Filialen finde ich höchst attraktiv. Bis auf den Flagshipstore am Hauptbahnhof Zürich (6-24 Uhr) befinden sich alle Filialen an den Bahnhöfen kleinerer Orte. Ideal für Pendler. Zur Besichtigung empfehle ich den "avec"-Laden am Bahnhof Kreuzlingen Hafen. Eine große Auswahl an Migros-Produkten (ohne Aufpreis), Snacks, Haushaltsartikel und Zeitschriften sind dort täglich von 5:30 bis 22 Uhr erhältlich. Andere Beispiele: der Migros Supermarkt und der "Stop&Shop" convenience store im öffentlichen Shopping-Bereich des Flughafens Zürich. Geöffnet 365 Tage im Jahr von 6-22 Uhr.

Literatur / Quellen:

http://en.wikipedia.org/wiki/Convenience_store
http://www.famima-usa.com
http://www.migros.ch
http://www.stopandshop.ch
http://www.avec.ch
Christian Caryl and Akiko Kashiwagi, High Convenience, in: Newsweek July 3 / July 10, 2006, S. 47f.

Bilder:

Famima!! Los Angeles-Bilder (3): http://www.xanga.com/tummy_kim

alle anderen Bilder
© by Thomas Hirtenfelder

roppongi hills

Thursday, June 29, 2006

´Roppongi Hills´ ist Tokyos neuestes Stadtviertel. Eine künstliche Stadt in der Stadt. Minoru Mori, Milliardär und Japans wichtigster Bauunternehmer, schuf mit diesem einzigartigen, vor drei Jahren fertiggestellten Projekt einen völlig neuartigen 24-Stunden Shopping-, Arbeits-, Freizeit- und Wohnkomplex. Die Idee einer abgeschlossenen artifiziellen, benutzerfreundlichen Einkaufsstadt mit vielen Hochhäusern ist inmitten der ansonsten relativ flachen, sich fast unendlich ausdehnenden Megametropole eher ungewöhnlich. Vor allem weil Roppongi im Gegensatz zu Shibuya, Shinjuku oder Ikebukuro nicht direkt an der Yamanote-Ringbahn liegt.

Der Großteil von Tokyo besteht aus relativ niedrigen Gebäuden, die sich in engen, chaotisch wirkenden Gassen scheinbar endlos aneinanderreihen. Im folgenden Bild, dass von der Aussichtsplattform des Tokioter Rathauses in knapp 230m Höhe gemacht wurde, kann man das sehr gut nachvollziehen.


"Sie fuhren an den unzähligen beleuchteten Bürsten- und Schuhgeschäften, Fahrradreparaturwerkstätten, Drogerien, Insekten- und Schmetterlingshandlungen, Badeutensilien-, Sushi- und Juwelierläden, an Dentisten, Fotohändlern und Elektronikverkäufern vorbei, und an den einstöckigen alten Häusern, die wie Schachteln mit Dächern wirkten. ... Zwischen den Häusern mit den Geschäften öffneten sich schwach beleuchtete Nebengassen mit Bündeln von elektrischen Leitungen auf Masten aus Stahl oder Beton." (Gerhard Roth, 1998)


In Tokyo ist es Tradition, dass viele Menschen sehr, sehr kleine Grundstücke besitzen und darauf kleine Häuser errichten. Eine effektive Stadtplanung hat es nie gegeben. Kein Straßenzug und kein Gebäude gleicht dem anderen. Lange Zeit verfügte man außerdem nicht über das Know-How Hochhäuser erdbebensicher zu bauen. Die Folge: die Stadt dehnte sich immer weiter aus und bedeckt heute nahezu den gesamten Großraum Kanto, wo mittlerweile etwa 30 Millionen Menschen leben. Erst vor wenigen Jahrzenten haben Investoren aufgrund akuten Platzmangels damit begonnen, nebeneinanderliegende Kleinstgrundstücke aufzukaufen um große Shopping-, Büro- und Wohnkomplexe zu errichten. In der gleichen Zeit wurden auch die ersten großen Landgewinnungsprojekte in der Bucht von Tokyo in Angriff genommen. Unzählige Brücken und Tunnels verbinden diese künstlichen, rechteckigen "Inseln" mit dem Festland.


Viele der Großinvestoren waren staatliche oder private Bahnunternehmen, deshalb liegen die heutigen "Zentren" Tokyos nicht zufällig alle direkt an großen Bahnhöfen.

"Neben den staatlichen Fern- und U-Bahnkonzernen konkurrieren eine ganze Reihe börsennotierte Bahnbetreiber in Tokyo miteinander. Ihr Einfluss ist nicht zu unterschätzen, denn sie sind die wahren Motoren der städtebaulichen Entwicklung. Kein Geschäftszentrum gedeiht ohne guten Bahnanschluss. Ihre Betreiber sind krakenhafte, hochdiversifizierte Firmenimperien, die auch Bus- und Taxigesellschaften, Parkplätze, Kioske und Hotels betreiben. Ihre Bahnlinien enden direkt in riesigen konzerneigenen Kaufhäusern, die die hohe Passantenfrequenz gleichzeitig nutzen und weiter erhöhen." (Ulf Meyer, 2004)


Der Mori Konzern (Kerngeschäft: Immobilien) ging mit ´Roppongi Hills´ einen ganz neuen Weg. Roppongi hat keinen Megabahnhof ist aber durch zwei U-Bahnstationen (Roppongi, Azabu-juban) und mehrere Buslinien sehr gut erreichbar. ´Roppongi Hills´ setzt allerdings eher auf Leute aus der Nachbarschaft beziehungsweise auf Leute die direkt innerhalb des Komplexes leben. Der Bauherr hatte das Ziel eine ´intelligente Stadt´ zu entwickeln. Eine Stadt mit einem kompletten Angebot an Dienstleistungen und Annehmlichkeiten, die der Bewohner theoretisch 24 Stunden nicht verlassen muss. Essen, Schlafen, Arbeiten, Einkaufen, ins Kino gehen, ein Museum besuchen. Alles ist in ´Roppongi Hills´ fast 24 Stunden am Tag möglich und zu Fuß erreichbar. Selbst der obligatorische Louis Vuitton-Store (Architekt Jun Aoki; siehe letzter Eintrag) hat hier bis 23 Uhr geöffnet. Dieses innovative Gegenmodell zum weitläufigen, undurchdringlichen Großstadtdschungel könnte schon bald zum Vorbild von Städteplanern in aller Welt werden. Warum kilometerweit von Geschäft zu Geschäft gehen oder eine Stunde mit der Bahn zur Arbeit pendeln wenn dies alles in einem Gebäudekomplex möglich ist, der außerdem noch von Top-Architekten und Designern geplant wurde und trotzdem mitten in der Stadt liegt? Diese Frage stellen sich offenbar viele, denn ´Roppongi Hills´ verzeichnete schon in den ersten Monaten Besucherrekorde. Man trifft sich in der Lobby des neuen ´Grand Hyatt´ Hotels, kauft in den unzähligen Shops ein, flaniert auf den Straßen wie man es sonst nur von Reisen nach Europa und New York kennt, bewundert die spektakuläre Aussicht vom ´Mori Art Museum´(im 52. und 53. Stock des Mori Tower gelegen) und erholt sich zwischendurch auf von Künstlern gestalteten Straßenmöbeln, zum Beispiel auf einer Sitzbank von Karim Rashid.



´Roppongi Hills´ ist ohne Zweifel ein faszinierendes und gelungenes städtebauliches Experiment. Minoru Mori hat Tokyo mit diesem Projekt um eine Attraktion reicher gemacht und erstmals ein abgeschlossenes, autonomes Stadtviertel geschaffen. Selbstverständlich drängt sich das Artifizielle an jeder Ecke in den Vordergrund. Ähnlich wie bei einem Shoppingcenter oder Themenpark (um wieder den Vergleich von Ian Buruma zu bemühen) ist zwar alles vorhanden aber es fehlt eine gewisse Atmosphäre. Das Ganze wirkt etwas kulissenhaft - glatt und irgendwie zu perfekt. Ist ´Roppongi Hills´ doch nur ein hypermodernes, mit einem hochwertigen Museum, einem Luxushotel und Appartmenthäusern verbundenes Erlebnis-Shoppingcenter? Ist dies die Zukunft des Städtebaus?

Geht es um den besonderen Flair von Tokyo sollte man weiterhin die Omotesando aufsuchen oder in das Gassen-Wirrwarr von Harajuku und Daikanyama eintauchen. Dort sind selbst die futuristischen Flagship-Stores der Designer von kleinen, schäbig wirkenden alten Holzhäusern mit Vorgärten und integrierten Mini-Abstellplätzen für Autos umgeben. Alles wirkt wie in einer lieblichen Kleinstadt. Erst wenn man sich wieder dem nächsten Bahnhof nähert und eine halbe Stunde zum Hotel zurückfährt, das wiederum an einem großen Bahnhof liegt, wird man wieder mit den unvorstellbaren Dimensionen dieser Stadt konfrontiert. ´Roppongi Hills´ ist im Vergleich dazu nur ein kleiner Punkt auf dem Stadtplan.


"Visit the futurist new Prada store, designed by Herzog & de Meuron, and all around it are scruffy low-rise shacks with their inhabitants asleep in the backyards on piles of empty cardboard boxes." (Jeremy Langmead, 2003)


Eine aktuelle Liste der Shops, Restaurants und anderer Einrichtungen innerhalb des Komplexes findet sich auf der Homepage: Roppongi Hills

Literatur / Quellen:

http://www.roppongihills.com/en/
Gerhard Roth, Der Plan, 1998, S.31f
Ulf Meyer, Cities of the Pacific Century - Reportagen und Essays aus Ostasien, 2004, S.30
Ian Buruma, Asien als Themenpark, in: Lettre International, 2003, S.56-59
Jeremy Langmead, Head for the Hills, in: Wallpaper* 63, November 2003, S.73f

Bilder:

Roppongi Hills at Dusk
http://www.sarukoen.com/archives/0907%20005.jpg
Roppongi Hills - Übersichtsplan
http://www.roppongihills.com/en/
Sitzbank von Karim Rashid
http://www.designboom.com/eng/funclub/roppongi.html

alle anderen Bilder: © Thomas Hirtenfelder, 2003

I shop, therefore I am

Tuesday, June 13, 2006

"september 12th here in osaka. sun is shining. people are buying louis vuitton handbags. life goes on as normal."
(Moby, 2002)

Louis Vuitton, die französische Traditionsfirma für Taschen und Mode, ist der unangefochtene Weltmarktführer unter den Luxuslabels. Der Mutterkonzern LVMH hat derzeit einen Marktwert (Wert aller ausgegebenen Aktien) von knapp 48 Milliarden Dollar und liegt damit auf der Liste der weltweit 500 größten Unternehmen immerhin an der 141. Stelle. Im Sektor ´personal goods´ sogar an zweiter Stelle hinter dem Kosmetikgiganten L´Oreal. Nur zum Vergleich: Unternehmen wie Sony und McDonald´s liegen hinter LVMH auf den Plätzen 143 und 153.

Louis Vuitton Roppongi Hills, Architekt: Jun Aoki, 2003

Der japanischen Kundschaft verdankt Louis Vuitton mehr als die Hälfte des jährlichen Umsatzes. Es gibt Louis Vuitton Flagship-Stores in jeder größeren Stadt Japans und kleinere Boutiquen in vielen Kaufhäusern. Eine Louis Vuitton Handtasche zu besitzen ist in Japan so normal und selbstverständlich wie hierzulande vielleicht ein T-Shirt von H&M. Die Erfolgsgeschichte von LV in Japan ist exemplarisch für ein Land, in dem Konsum einen extrem hohen Stellenwert hat.

Shopping steht in der Liste der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen Japans ganz weit oben. Nirgendwo auf der Welt gibt es ein größeres Angebot an Boutiquen, Kaufhäusern und anderen Möglichkeiten Geld auszugeben.

Das Straßenbild einer typischen Stadt in Japan wird von riesigen Werbeplakaten, Neon-Logos und Werbe-Videowalls (teils sogar mit Lautsprechern) bestimmt. Ganz Tokyo gleicht einem riesigen, mit japanischen, chinesischen, europäischen und amerikanischen Artefakten angefüllten Konsum-Themenpark (vgl. Ian Buruma, 2003), der wiederum an eine futuristische Version des New Yorker Times Square erinnert. Es ist sicherlich kein Zufall, dass eines der größten und exklusivsten Warenhäuser im Stadtteil Shinjuku genauso heißt: Takashimaya ´Times Square´.

Ist der Hachiko-Square (die wichtigste Kreuzung vor dem Shibuya-Bahnhof) der neue Times Square? Der neue globale Hauptplatz des 21. Jahrhunderts?


"Die Welt hat ein neues Zentrum. Es ist der Hachiko Square in Tokyo. Alle Wege führen zum Hachiko Square. Man muss nur den jungen, japanischen Blondinen mit ihren Plateauschuhen folgen, die zu Tausenden Abend für Abend zum Hachiko Square strömen. Der Weg lohnt sich, denn der Hachiko Square in Tokyo ist der neue Mittelpunkt der Welt: Im 21., dem ´pazifischen Jahrhundert´, hat der Hachiko den Times Square in New York als Zentrum des 20., des ´atlantischen Jahrhunderts´, abgelöst. " (Ulf Meyer, 2004)


Tatsächlich kann man diese Energie richtiggehend spüren, wenn man sich plötzlich inmitten der Menschenmassen auf diesem Platz wiederfindet. Ich machte diese beeindruckende Erfahrung auf meiner Tokio-Reise vor drei Jahren. Man hat plötzlich das Gefühl Zeuge eines ganz besonderen, einzigartigen Schauspiels zu sein - die Passanten unterhalten sich völlig selbstverständlich mit Video-Handys (Anm.: im Jahr 2003!), von den Lautsprechern der Mega-Bildschirme hört man sprechende, animierte Hunde, die für irgendwelche Produkte werben und auf den Plakaten liest man ´Master Card´, ´Visa´, ´Now on Sale´, ´Are You Alive?´. Letzteres klingt wie eine Anspielung auf die Ohnmacht und Faszination, mit der man dem Ganzen als europäischer Tourist (oder sollte ich besser sagen Forschungsreisender) gegenübersteht. Erst später, wenn man wieder in das vertraute Hotelzimmer zurückgekehrt ist, wird einem bewusst, dass man gerade einen Blick in die Zukunft geworfen hat.


Konsum als Ausdruck eines fortschrittlichen Lebens. Japan als Vorreiter im weltweiten Turbokapitalismus. Es gibt kaum ein Land in dem mehr utopische, völlig neurartige Dinge erfunden werden. Ob es nun die quadratische Melone ist (passt besser in den Kühlschrank) oder Roboter für die Altenpflege. Alles wird ausprobiert und von der Bevölkerung mit Interesse begutachtet und getestet. Bei uns werden solche Ideen eher belächelt und wenn überhaupt erst nach vielen Jahren übernommen. "Was haben die Japaner da schon wieder Verrücktes erfunden!" heißt es dann. Wenn die Produkte dann in Europa und Amerika auf den Markt kommen, gibt es in Japans Kaufhausregalen bereits die 3. Generation. Ob die Erfindungen besonders nützlich sind oder nicht ist den Kunden egal. Wenn es neu, besser, schneller, bunter, cooler ist als alles was es bisher gab, wird es gekauft. Ähnlich verhält es sich mit der Mode. Jeder Trend wird sofort ausprobiert, kreativ kombiniert und ist ebenso schnell nicht mehr ´In´ oder ´kawaii´, was soviel heißt wie süß oder ´cute´. Was solls! In wenigen Wochen kommt ohnehin die neue Kollektion. Der Reiz des Neuen beherrscht das Konsumverhalten. Dass auch die Geschäfte ständig ihr Erscheinungsbild ändern müssen, um im Gespräch zu bleiben, ist da fast selbstverständlich. Die spektakulärsten und innovativsten Shops der Welt gibt es nicht in New York, London oder LA sondern in Tokyo. Nahezu alle großen Namen der Architekturwelt haben schon ein markantes Zeichen an der Ginza oder Omotesando hinterlassen.

Prada Aoyama, Architekten: Herzog & deMeuron, 2003

Comme des Garcons Aoyama, Architekten: Future Systems, 1998

"Shopping Malls entstehen in Tokio auf fast jedem Grundstück, das groß genug ist. Filialen von Gucci, Prada, Ferragamo schießen wie Pilze aus dem Boden und mit jeder Neueröffnung drängt sich die Frage offensichtlicher auf: Wer kauft das alles? Wovon? Warum?" (Kathrin Sander, 2001)

Fragen, zu denen man gar nicht so leicht eine Antwort findet. Man sollte auf jeden Fall wissen, dass mehr als ein Drittel der Tokioter Bevölkerung über ein Haushaltseinkommen von mehr als 100.000 Euro pro Jahr verfügt. Junge, erfolgreiche Single-Frauen sind dabei die kaufkräftigste Klientel. Sie leben meist noch in der Wohnung der Eltern um sich die hohen Mieten zu ersparen, haben einen guten Job und geben einen Großteil ihrer Gehälter für Designerkleidung und andere Konsumgüter aus. Ähnlich verhält es sich mit den Teenagern. Aufgewachsen ist diese Generation in den 80er Jahren, am Gipfel des japanischen Wirtschaftswunders. Die Blase ist mittlerweile zwar geplatzt, aber der ´Yuppie´ Lebensstil lebt weiter. Die Lust am Luxus und am Ausgeben von Geld ist weiterhin ein essenzieller Bestandteil der japanischen Gegenwartskultur.


Manchmal wird der übermäßige Konsum allerdings zur echten Sucht. Diesem Thema hat sich auch Haruki Murakami bereits angenommen. In ´Tony Takitani´ geht es um einen erfolgreichen Illustrator und dessen, auf mysteriöse Weise, von Designerkleidung "abhängige" Frau. Übrigens bis dato die einzige Erzählung von Murakami die abendfüllend verfilmt wurde. Meiner Meinung nach ein äußerst sehenswerter Versuch des japanischen Regisseurs Jun Ichikawa.


"Sobald sie Kleidung vor Augen hatte, verlor sie nahezu völlig die Selbstbeherrschung. Von einem Moment zum anderen veränderte sich ihr Gesichtsausdruck und selbst der Klang ihrer Stimme. ...Besonders schlimm wurde es nachdem sie eine Reise nach Europa gemacht hatten. Während dieser Reise hatte sie eine unglaubliche Menge an Designer-Kleidung gekauft. Sie war wie besessen und kaufte jedes Kleidungsstück das sie sah - während Tony hinter ihr herlief und die Rechnungen bezahlte. ... Auch als sie nach Japan zurückgekehrt waren, legte sich ihr Fieber nicht. Tagein, tagaus ging sie weiterhin Kleider kaufen. Sie mußten sich einige extragroße Kleiderschränke anschaffen und um ihre Schuhe unterzubringen ließen sie spezielle Regale anfertigen. Und als auch das nicht mehr reichte, mußten sie ein ganzes Zimmer in einen Kleiderschrank verwandeln." (Zitat aus dem Film ´Tony Takitani´, Haruki Murakami u. Jun Ichikawa, 2004)


Als er (Tony Takitani) seine Frau bittet, sich beim Kleiderkauf etwas einzuschränken kommt es zu einer dramatischen Wendung ...

"Eine Woche lang zog sie sich zurück und blieb zu Hause um keine neuen Kleider zu sehen. Aber während sie das tat, fühlte sie wie sich eine große Leere in ihrem Inneren ausbreitete." (Zitat aus ´Tony Takitani´, 2004)

Ich werde an dieser Stelle den weiteren Verlauf der Geschichte nicht preisgeben, aber man kann die ganze Story auf jeden Fall als eine Art Kritik oder Warnung sehen. Eine kritische Auseinandersetzung mit der japanischen Konsumgesellschafft und eine Warnung vor den noch nicht absehbaren Folgen dieser Entwicklungen.

"Da ist zum Beispiel der 17-jährige Junge aus Tottori in Westjapan, von dem die Zeitungen heute berichten, er habe seine Mutter erwürgt, weil sie ihm nicht genug Taschengeld gab." (Kathrin Sander, 2001)

Seibu Ginza, Tokyo 2003

Noch pilgern die Kunden aber jeden Tag in die glitzernden Tempel des Konsums. In die leuchtenden, futuristischen Flagshipstores der europäischen Designer und in die riesigen, unüberschaubaren Warenhäuser an der Yamanote-Ringbahn - Mitsukoshi, Matsuya, Seibu, Takashimaya, Isetan, ... die Götter einer neuen Religion. Einer Religion des Konsums. Symbole des unaufhörlichen Glaubens an den Fortschritt und die Zukunft.

Literatur/Quellen:

Moby, Journal: http://www.moby.com/moby_archive/1/1/2002/9/4472
FT Global 500, in: FT Magazine, Financial Times Weekend, June 10/11, 2006, S.26-34
Ian Buruma, Asien als Themenpark, in: Lettre International, 2003, S.56-59
Ulf Meyer, Cities of the Pacific Century - Reportagen und Essays aus Ostasien, 2004, S. 25-33
Kathrin Sander, Shopping - Die Lust am Luxus, in: Merian Japan, Februar 2001, S.50-58
Zitate aus dem Film "Tony Takitani" (2004)
ein Film von Jun Ichikawa, basierend auf einer Geschichte von Haruki Murakami

Bilder:

Shibuya, Tokyo 2003
© Thomas Hirtenfelder
Louis Vuitton Roppongi Hills
http://photo.tngrm.com/archives/2004/12/img/DSC_0897.jpg
Times Square, New York 2006
Hachiko Square, Tokyo 2003
Shibuya, Tokyo 2003
Prada Aoyama, Tokyo 2003
Comme des Garcons Aoyama, Tokyo 2003
© Thomas Hirtenfelder
Screenshots aus "Tony Takitani" (2004)
Seibu Ginza, Tokyo 2003
© Thomas Hirtenfelder